Männerliteratur
L.A. ist immer ein Verbrechen wert. Tony O'Neill schrieb mit "Sick City" eine harte Geschichte, die ins Kino gehört
Das schnelle Geld ist der Hauptgrund, warum in Krimis Leute in der Tinte landen. Vielleicht weil jeder von uns heimlich davon träumt: mit einem Deal so viel Knete zu machen, dass er nie wieder arbeiten muss.
Doch nicht jeder bastelt aus diesem etwas abgenutzten Motiv auch eine gute Story. Tony O'Neill jedenfalls kann es wie er mit seinem neuen Roman beweist. In den USA ist er schon eine große Nummer. "Sick City" ist sein erstes Buch, das in Deutschland erscheint (mit großartigen Illustrationen von Michel Casarramona) – und es wird wohl nicht sein letztes sein.
Aber zurück zum schnellen Geld: Wir sind in L. A. Die Stadt ist dreckig, die Zeiten sind schlecht, die Sitten rau. Als dem Junkie Jeffrey, der sich von einem Altschwulen aushalten lässt, beim Sex plötzlich die Einnahmequelle wegstirbt, muss er sein Leben neu ordnen. Das will er in einer Drogenklinik tun. Na ja – eher halbherzig. Im Gepäck hat er ein Video-Tape. Ein heißes: Es zeigt Sharon Tate beim Sex. Gedreht, kurz bevor sie von CharIes Mansons Bande ermordet wurde. Was macht man damit?
In der Drogenklinik lernt er Randal kennen: einen Nichtsnutz aus gutem Hause, verkommen und süchtig. Zusammen versuchen sie, das Tape zu vergolden. Doch das stellt sich als schwierig heraus. Und: Gefährliche Leute fangen an, sich für sie zu interessieren.
Das Ganze wäre ein passabler Krimi, hätte nicht O'Neill das Gespür für Dialoge und Settings, die an Filme von Robert Altman oder Quentin Tarantino erinnern. Literarisch fühlt man Vorbilder wie Charles Bukowski und Chuck PaIahniuk: trocken, schnell, hart, mitreißend. Ganz klar ein Kandidat für eine Verfilmung – mit Neoklassiker-Potenzial.
Klaus Mergel
Playboy