von Markus Keuschnigg
Satanskult, Jungfrauenopfer, Massenmörder und Peter Cushing als Romanfigur. Willkommen zum Fest des Monsieur Orphée!
Bahnhofsliteratur: so nennt man die vielen reißerischen Krimis und Horrorromane gerne, die man sich einpackt, bevor man eine Reise tut. Weil sie zumeist unterhaltsam und anspruchslos sind.
Lange Zeit haben anspruchsvolle Literaten auf diese Schmökergattung herab gesehen: mittlerweile ist die Bahnhofsliteratur aber als eigene Kunstform etabliert. Wie man am Debütroman des Spaniers Javier Márquez Sánchez sieht: Schon am Cover von „Das Fest des Monsieur Orphée“ prangt eine schwarze Katze mit blutroten Augen; und auch die Geschichte selbst spart nicht mit Blut, Beuschel und anderem Grusel.
Satanische Kinder
Es war einmal ein idyllisches Dorf namens Longtown. Ein Ort für Familien, umgeben von Natur, weit weg von großen Städten mit all ihren Gefahren. Als „Scotland Yard“-Inspektor Carmichael in Longtown ankommt, gibt es das Dorf nicht mehr. Jedenfalls ist keiner der Einwohner mehr am Leben. Wie Carmichael und sein Assistent Harry Langdon schnell begreifen, haben die Kinder alle Erwachsenen ermordet und verstümmelt; und sich anschließend in der kleinen Kirche selbst gerichtet.
Währenddessen bereitet sich der erfolgreiche Fernsehschauspieler Peter Cushing auf einen Kinofilm vor: Für die noch unbekannten Hammer Studios soll er den Dr. Frankenstein spielen. Davor bittet ihn aber sein Regisseur Terrence Fisher noch, zum Thema Angst zu recherchieren. Denn nur so könnte man einen effektiven Horrorfilm drehen.
Kunst ist die Hölle
Irgendwann werden Cushing und Inspektor Carmichael aufeinander treffen. Zusammen geführt werden sie von einem legendären Film, der lange verschollen war und erst kürzlich wieder aufgetaucht ist; nahe des Unglücksdorfs Longtown. „Das Fest des Monsieur Orphée“ ist der Titel. Und es heißt, der Teufel selbst habe ihn gedreht.
Das Jahr ist 1956 – und das soll man auch der Sprache von Javier Marquez Sanchez anmerken. Es geht um schmucke Frisuren und verschrobene Professoren, elektronische Medien sind ebenso Zukunftsmusik wie Mobiltelefone. Selbst das Kino gilt damals vielen als unstatthaft. Es gehört zu den schönsten und treffendsten Momenten dieses Buchs, wenn Peter Cushing seine Mitarbeit bei einem Horrorfilm rechtfertigen muss.
Peter & Boris & all seine Freunde
Javier Sánchez Márquez, der bislang als Journalist gearbeitet und einige Sachbücher verfasst hat, gelingt mit „Das Fest des Monsieur Orphée“ ein außergewöhnlicher Zwitter-Roman: Der Handlungsbogen mit Inspektor Carmichael ist eindeutig an die Sherlock Holmes-Geschichten angelehnt, während die inner- und außerfilmischen Abenteuer von Peter Cushing angefüllt sind mit Detailbeschreibungen der damaligen Filmproduktionslandschaft.
„Das Fest des Monsieur Orphée“ hat, wenn überhaupt, nur ein kleines Problem: Nämlich dass der Leser mit so viel Obskurem und Okkultem konfrontiert wird, dass davon selbst die Geschichte zeitweise verschüttet wird. Aber wenn man in einem Kapitel von satanischen Kulten und Jungfrauenopfern erfährt und im nächsten plötzlich Ur-Frankenstein Boris Karloff in einer Gastrolle auftritt, wen interessieren dann noch Logiklöcher oder dramaturgische Durststrecken?