Es gibt Gangsterfilme, es gibt Drogenfilme, es gibt Filme über junge Männer, die auf den Strich gehen - und es gibt den Roman von Tony O'Neill. Der ist wie geschaffen als Drehbuchvorlage für einen Film, in dem all das zusammenkommt.
Von Laura Freisberg
Jeffrey ist Ende dreißig, hat das Gemüt eines postpubertären Teenagers und schmeißt alles an Drogen ein, was er so kriegen kann. Bisher hat ihn sein älterer Lover finanziert, ein ehemaliger Cop. Doch eines Morgens liegt der tot im Bett. Im Safe seines Sugar Daddys findet Jeffrey etwas, das er zu Geld machen kann: ein Privatvideo aus den 70er Jahren, das sein Lover aus Haus der ermordeten Schauspielerin Sharon Tate einst mitgehen ließ. Darauf zu sehen: eine Sex-Orgie, neben der die Privat–Pornos von Paris Hilton und Co wie ein Streichelzoo wirken.
Ein Problem hat Jeffrey: er muss einigermaßen nüchtern sein, um den richtigen Käufer für so ein Video zu finden. Die Entzugsklinik, in die sich Jeffrey selbst einweist, gehört dem berühmten Fernseharzt Dr. Mike. Seine Show "Detoxing America" zeigt Promis beim Entzug und auf dem Weg zu Gott.
Bildunterschrift:Der New Yorker Autor Tony O'Neill.
Wer mal auf MTV die Reality Show "Celebrity Rehab" gesehen hat, erkennt hier natürlich die Persiflage auf Doktor Drew. Der redet über einen Entzug, als wäre das ein tropischer Sturm, während sich C-Promis wie Brigitte Nielson schwitzend und ungeschminkt auf dem Bett herumwälzen.
Autor Tony O'Neill war selbst drogenabhängig. Aber "Sick City" ist weder ein Hohelied auf den Drogenkonsum, noch werden Drogen darin verteufelt. Jeffreys Mitpatient und Kumpel Randall bringt die Grundphilosophie der beiden Anti-Helden und vermutlich auch des Autors auf den Punkt. Bei einem Sitzkreis in der Entzugsklinik:
"Hallo, ich heiße Randal und ich bin süchtig." "Hallo Randal" echote das Zimmer. "Nun, ähm, ich bin jetzt seit einer Woche hier" sagte er, "und jedes Mal, wenn ich an so einem Ort bin, will ich mich sofort und dringend zuknallen.
Ehrlich, AA bringt mich dazu Meth zu rauchen. Ach, Scheiß drauf. Alles bringt mich dazu, Meth zu rauchen. Was ich sagen will, mein Problem, kein Meth zu rauchen, besteht darin, dass dann alles so verdammt langweilig scheint. Ich verstehe das Programm. Wirklich. Ich begreif's! Aber für mich stellt sich die Frage, wenn ich das Programm befolge, und sage, okay, Schluss, keine Drogen mehr, nicht mehr saufen, nicht mehr rumvögeln… Dann werde ich vielleicht achtzig oder so was, aber mein Gott, es hört sich an wie die reine Hölle, verstehst du?"
Auszug aus "Sick City"
Bildunterschrift:"Sick City" von Tony O'Neill.
Das Leben mit Drogen in L.A. ist aber auch die Hölle, das merken die beiden Freunde, wenn sie denn mal nüchtern sind. In "Sick City" ist Jeffreys Lover ist der einzige, der friedlich in seinem Bett sterben darf. Die anderen sterben durch brutale Sexpraktiken, ein Dealer foltert einen Konkurrenten zu Tode, ein bildhübscher Transvestit krepiert an einem Tablettencocktail.
"Sick City" ist zwar nicht Tony O'Neills erster Roman, und alle handeln sie von Drogen und grenzwertigen Erfahrungen, aber es ist der erste, der ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurde. Der kleine Schweizer Verlag Walde & Graf hat der deutschen Ausgabe noch ein ganz besonderes Zuckerl mitgegeben: im Buch findet man Bleistiftzeichnungen, die dem trashigen Glamour von L.A. eine kalte, metallische Oberfläche verleihen – als könnte es in dieser "Sick City" nur kaputte und bösartige Menschen geben.
Sogar die Erlösergestalt Dr. Mike, der dauerlächelnde Fernsehdoktor, führt ein Doppelleben. Eigentlich sind die beiden Drogenfreaks Jeffrey und Randall die einzigen sympathischen in diesem Moloch von Gier und Gewalt. Und so drückt man ihnen die ganze Zeit die Daumen bei ihrem Versuch, das Sharon-Tate-Homevideo zu verscherbeln. Obwohl man schon weiß, dass sie dabei nur auf die Schnauze fliegen können. "Sick City" von Tony O'Neill mit seinem schrägen Plot vor trashiger Kulisse schreit danach, verfilmt zu werden – aber ganz bestimmt nicht von "Hollywood".
Bayerischer Rundfunk online