Tracy Whites Debüt als Comicroman-Autorin heißt im Amerikanischen "How I made it to Eighteen" – ein treffender Titel für eine so persönliche wie lakonische Graphic Novel, in der es um die 17-jährige Stacy Black geht. So nennt sich die Autorin hier: Black statt White. Denn Stacy fühlt sich alles anderes als hell.
Wir lernen sie in der psychiatrischen Klinik kennen, in die sie wegen ihrer Depression verwiesen wurde. Zitate aus ihrer Krankenakte eröffnen die Kapitel: "Pt. hat eindeutig Schwierigkeiten, sich gegenüber der übrigen Belegschaft offen und ehrlich einzubringen. Sie hält die Menschen durch ihre negative Haltung und ihr wütendes Wesen absichtlich auf Distanz." Tracy White will dem Stigma der Depression, unter dem sie selbst gelitten hat, durch Offenheit begegnen. "Ich glaube, das Stigma kommt daher, dass man nicht rauskommt damit, oder dass es keinen Ort gibt, an dem man das ehrlich diskutieren kann und anderen zuhören kann, denen es ähnlich geht", sagt sie im Interview mit der jungen Bloggerin E. Kristin Anderson.
Eine Geschichte, keine Analyse
Und so zeichnet White mit "Irgendwie dazwischen" – so der deutsche Titel – in schlichten schwarz-weißen Bildern und sparsam eingesetzten Texten, deren Verhältnis zueinander äußerst sicher wirkt, ihren Zustand während des Klinikaufenthaltes nach. Das Buch will Stacys Depression und Magersucht nicht analysieren, sondern eine Geschichte erzählen. "Ich habe das Buch geschrieben, weil ich mit der Therapie bereits durch bin", sagt sie zu E. Kristin Anderson.
Aus den Rückblenden und aus dem, was Stacy ihrer neuen Freundin und Leidenskollegin Ashley erzählt, erfährt man, was vor der Einlieferung passiert ist. Stacy will nach der High School nicht gleich auf das College wechseln. Also macht sie das, was viele junge Amerikaner/innen in ihrer Situation tun: Sie nimmt einen stumpfen McJob an und sie zieht mit ihrem Freund, Eric, zusammen. Stacy will erst mal herausbekommen, was sie will. Und sie will Spaß haben. Partydrogen helfen ihr dabei, loszulassen. Irgendwann zerschlägt sie alle Scheiben in ihrer Wohnung mit den bloßen Händen, die Schnitte vergrößert sie mit einer Schere, damit das Blut weiterfließt. Da merkt sie, dass es ihr richtig schlecht geht.
Tracy White
Wer ist Stacy?
"Golden Meadows" ist eine Institution auf dem Land, in der die jugendlichen Depressiven, Bulimiker/innen, Süchtigen und Zwangsneurotiker/innen unter sich sind und mit Medikamenten, in Einzelgesprächen, aber auch über Kunsttherapie und Gruppentherapie behandelt werden. "Ich bin mir ziemlich sicher", sagt Stacy, "wenn ich mich hier nicht eingeliefert hätte, dann wäre ich jetzt tot." Aber sie schafft es, bis zum 18. Geburtstag, und darüber hinaus. Das Schreiben und Zeichnen hilft ihr dabei.
Tracy White verfolgt die verschiedenen Perspektiven der Wahrnehmung von Stacy, indem sie vor allem die vier besten Freundinnen zu Wort kommen lässt. Ist Stacy schüchtern, stumm, sogar hässlich? Oder ist sie lustig, originell und redet sie gern und viel? Die durchweg gelungene Graphic Novel – ebenso gelungen ist übrigens die deutsche Übersetzung und Aufmachung, bis vielleicht auf den beliebig klingenden Titel – lehrt Respekt vor der Komplexität und der Größe des Daseins.
Tracy White: Irgendwie dazwischen (Walde & Graf, 159 S., 18.95 €)
Stephanie Wurster ist fluter.de-Redakteurin und freie Autorin.
Foto/ Illustrationen: ©Walde + Graf