Melodie in Buchstaben

 
Joe Brainards großartige Symphonie „Ich erinnere mich“
 
von Wiebke Porombka
 
Glück durch die Restitution des nie Dagewesenen – so hat Walter Benjamin den Vorgang des Erinnerns einmal beschrieben, bei dem stets ein wenig in der Schwebe bleibt, ob das, was bisweilen nur für Momente wieder in der Vorstellung aufblitzt, je tatsächlich eine Entsprechung in der Realität hatte. Der schmale Band „Ich erinnere mich“ des New Yorker Künstlers Joe Brainard hätte Benjamin gewiss gefallen. Mit einer Verspätung von fast vier Jahrzehnten ist er nun in deutscher Ubersetzung bei dem jungen Schweizer Verlag Walde & Graf erschienen.
 
Was der 1941 geborene und 1994 verstorbene Brainard, der zum Kreis der New York School gehörte und in seinen Anfängen von der Pop-Art beeinflusst war, produziert, ist ein wahres Gesprudel von Glücksmomenten. Dabei könnte, was er tut, dem ersten Anschein nach banaler kaum sein. „Ich erinnere mich“, der Titel des Bandes, ist zugleich eine Art Zauberformel, ein Mantra, das Brainard spricht, fast tausendfünfhundertmal, um Bilder, Figuren oder auch kurze Szenen aus den tiefer gelegenen Schichten des Bewusstseins auftauchen zu lassen. Der kindliche Ekel vor den Zehennägeln des Großvaters oder der Anblick des Vaters im Ballettröckchen vor einem Variete-Auftritt kann das genauso sein wie frühe erotische Phantasien oder erste jugendliche Anbandelungen in Schwulenclubs.
 
Oft sind es aber auch nur losgelöste, vermeintlich belanglose Bruchstücke aus einer einstmals vertrauten Umgebung: „Ich erinnere mich an eine lilafarbene Flasche in Form einer Geige, die an der Wand hing und aus der Efeu herauswuchs.“
Oder einzelne Sätze der Eltern, die noch im Erinnern mit einer Ahnung vom vergangenen kindlichen Miss- oder Unverständnis verbunden sind.
 
Brainard schweift hin und her zwischen dem sehr Konkreten, Persönlichen: „Ich erinnere mich an Pat Hunters berühmte Pyjama Party“ und Szenen, die für ihn konkret sein mögen, die er aber in einer Offenheit belässt, die der Leser mit je eigenen und womöglich bei jedem anderen neuen Bildern füllen kann. „Ich erinnere mich daran, viele Hände geschüttelt zu haben.“
Oder: „Ich erinnere mich an Taft. Und das Rascheln.“ Es ist ganz und gar erstaunlich und beglückend, wie durch dieses Hin-und-Her-Schwanken zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, dem bis ans Detail Herangezoomten und dem Szenischen, dem beständigen Wechsel der Sinnesebenen aus dem scheinbar Einfachen, fast Maschinellen von Brainards Notaten eine Melodie entsteht, die den Leser selbst in eine Bewegung versetzt, aus der Bild um Bild entsteht – und die ihn auch immer wieder abschweifen lässt von Brainards Text und dem Leben eines homosexuellen Künstlers, das darin erzählt wird.
 
Das ist gewollt. Paul Auster, der für die deutsche Ausgabe ein Vorwort geschrieben hat, nennt das Ganze nicht zu Unrecht eine Komposition. Und so werden Brainards Erinnerungen nicht durch Chronologie geleitet, und nur selten sind es thematische Zusammenhänge, die Übergänge stiften. Eher ist es ein Gleiten, ein Wiederaufnehmen und Variieren von Motiven, das allerdings nie sein Spielerisches verliert und nie seinen Witz. Dieses Buch wird hoffentlich nicht noch einmal vergessen
 

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