Belletristik

Die Monkey Wrench Gang

Neu aufgelegter Roman von Edward Abbey

Es gibt Texte, die die Leser heute noch genauso begeistern wie vor 30, 50, oder 200 Jahren. Andere hingegen wirken bereits nach 10 Jahren furchtbar antiquiert. Umso überraschender ist es, wenn ein Text wiederaufgelegt wird, der vor 35 Jahren ein Geheimtipp im Underground war - und man ihn liest und glaubt, er wäre gerade jetzt geschrieben worden.

Der Inhalt von "Die Monkey Wrench Gang" ist schnell erzählt. Vier Menschen treffen sich zufällig und je mehr sie plaudern, desto bewusster wird ihnen, dass sie eines eint: Ihr Hass auf die moderne Zivilisation. Da wäre einmal Doc Sarvis. Unter Tags ist er ein nicht ganz so angesehener Arzt. In der Nacht geht er gemeinsam mit seiner Freundin Bonnie Abzug seiner geheimen Leidenschaft nach: Er fackelt Reklametafeln ab.

Dann ist da Seldom Seen Smith. Seinen Namen verdankt er der Tatsache, dass er von seinen drei Frauen nur sehr selten gesehen wird. Der Vierte im Bund ist George Washington Hayduke der Dritte. Vietnam-Veteran, begeisterter Biertrinker und Waffennarr. Am zweitliebsten übernachtet er im Freien. Am liebsten fährt er mit seinem Jeep in der Gegend herum. In diesem befinden sich unter anderem ein Buck-Messer, ein Magnum-Revolver, eine Stahlarmbrust mit Jagdspitzen und ein AK 47 Sturmgewehr.

Alle vier lieben die Wildnis. Das Echte, Natürliche. Es ist das die typisch amerikanische Definition von Freiheit. Draußen sein, ganz auf sich alleine gestellt sein. Niemand weit und breit, der einen stören könnte.


Freude an Sabotage

Doch dieser idyllische Zustand ist immer schwerer zu erreichen; in einer Zeit, in der neue Brücken, Staudämme und Straßen gebaut werden. "Einst hat die Wildnis dem Menschen eine recht praktikable Lebensweise geboten", sagt Doc Sarvis. "Jetzt dient sie als psychiatrische Zufluchtsstätte." "Bald wird es keinen Ort mehr geben, wohin man gehen kann", führt er weiter aus und kommt zum Schluss: "Dann wird der Wahnsinn weltumspannend."

Wie aber diesen immer schneller um sich greifenden technischen Wahnsinn aufhalten? Ganz einfach: durch Sabotage. Zuerst noch legen sie ein paar Planierraupen lahm, reißen die Vermessungsmarkierungen nieder. Nach und nach aber werden ihre Aktionen radikaler. Sie sprengen Brücken und ihr letztes und größtes Ziel ist der riesige Staudamm. Natürlich wird die Polizei auf die Vier aufmerksam, mehr Sorgen aber bereitet ihnen der seltsamen Mormenbischof, der die Einkommensteuer als kommunistische Erfindung verteufelt und sich in seiner Freizeit gerne als Hilfspolizist betätigt. Am Schluss werden bis auf Hayduke alle verhaftet, kommen aus welchen seltsamen Gründen auch immer, aber mit einer geringen Bewährungsstrafe davon.


Auslöser für Umweltschützer

Edward Abbey's Text ist äußerst unterhaltsam. Und so wie die Aktionisten selbst, hat auch der Leser nie das Gefühl, die Vier würden etwas Falsches tun. Dabei sind sie keineswegs Sympathieträger; und sie haben weder etwas mit den theorieschwangeren Terroristen der 1970er Jahre zu tun, noch mit den Umweltschützern, wie wir sie kennen. Sie tun das, was sie tun, vor allem, um Spaß zu haben. Zünden sie Plakatwände an oder lassen sie eine Planierraupe mit lautem Krach in den Abgrund stürzen, dann freuen sie sich wie kleine Kinder.

Auch ihr Umweltbewusstsein ist äußerst beschränkt: Sie fahren riesige benzinfressende Autos und werfen die leeren Bierdosen ganz einfach aus dem Fenster. Und dem Waffennarren Hayduke, der zentralen Figur des Romans, würde wohl kein Grüner die Hand reichen.

Als das Buch 1975 erschien, löste es eine Gründungswelle von Umweltschutzorganisationen aus. Die radikale Umweltgruppe "Earth First" hat sich überhaupt gleich den verstellbaren Schraubenschlüssel - der im englischen "Monkey Wrench" heißt, als Symbol genommen. Aber auch jenen, die nicht so radikal dachten, dämmerte mehr und mehr, dass es doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein könne, dem Wohlstand alles unterzuordnen und ihm Flüsse, Täler und Berge zu opfern.

Die vier Figuren des Romans erinnern - und das lässt das Buch gerade heute so aktuell erscheinen - frappant an die sich gerade neu formierenden Bürgerbewegungen. Hayduke wäre heute wohl ein Mitglied der amerikanischen Tea-Party-Bewegung und wenn die deutschen "Wutbürger", von denen jetzt so viel die Rede ist, wenn sie sich gegen den Castor-Transport und den Bahnhof Stuttgart 21 auflehnen, literarische Vorbilder bräuchten, dann wären sie mit der Monkey Wrench Gang sicherlich gut bedient.

Text: Gerhard Pretting 

ORF1 - Radio Österreich 1, 02.01.2011

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