ZEIT ONLINE - LITERATUR
9. Dezember 2010

COMIC "THE BEATS"

Hallo, ihr Hedonisten!

Wann immer die Zeiten schlecht sind, erinnert man sich an die zügellosen Beatpoeten wie Ginsberg, Burroughs und Kerouac.
Jetzt widmet sich ein Comic dieser Schriftstellerzunft.

Von Frank Schäfer

 

Eine bunte Truppe war das, die sich da nach dem Zweiten Weltkrieg als Beat Generation formierte. Ekstatiker und Transzendentalpoeten, die mit ihrem kackfrechen, lautstarken Widerstand gegen den gesellschaftlichen Neo-Biedermeier und den sich selbstberauschenden Staat eine Weile die amerikanische Öffentlichkeit und die Behördenbeschäftigte. Ihre literatur- und kulturgeschichtliche Bedeutung ist unumstritten.

Die Beats erweiterten mit ihrer Zügellosigkeit, ihrer Forderung nach hedonistischer Daseinssteigerung und individueller Entfaltung nicht nur die Ästhetik jener Jahre. Sie waren zugleich Vorbilder für eine sich der kapitalistischen Mühle widersetzenden Opposition. Und sind es bis heute. Immer wenn der an der wirtschaftlichen Konjunkturkurve angedockte Zeitge ist einmal mehr ganz unten ist und sich die große Frage stellt, wo das noch alles hingehen soll, dann erinnert man sich gern an die Beats und ihre Posen.

Gerade ist es offenbar mal wieder so weit. Kürzlich wurde Naked Lunch  neu übersetzt;die frühe Kollaboration von William S. Burroughs und Jack Kerouac  Und die Nilpferdekochten in ihren Becken, eigentlich etwas für Kenner und Literaturhistoriker, bekam außerordentlich viel Aufmerksamkeit und Rückenwind durch die Rezensenten. Dann erschien "The Original Scroll" von On the Road . Noch so ein Buch, das ja eigentlich keiner so recht braucht, weil jeder den mehrmals von Kerouac überarbeiteten und ziemlich verbesserten Text Zuhause im Regal stehen hat. Aber Rowohlt schien sich da offenbar was auszurechnen.

Dass die Beats außer Eskapismus (kunstreligiös, buddhistisch, auf Drogen oder sexuell) eigentlich nicht so viel zu bieten haben, dass sie reaktionäre Zivilisationsskeptiker, Renegaten ohne klare politische Ziele waren, kann man in diesem Zusammenhang vielleicht auch einmal erwähnen, ohne sie gleich desavouieren zu wollen. Man darf von Künstlern wohl auch nicht mehr erwarten als Kunst.

Und schon gar nicht darf man, am wenigsten im Falle der Beat-Zentralgestalten, das Private gegen das Werk ausspielen. Kerouac entwickelt sich vom libertinären Hedonisten mit den Jahren des Erfolgs und des Suffs zum antisemitischen Redneck. Burroughs erschießt seine Frau im Tran und flüchtet, nachdem ihn Ginsberg als Liebhaber abgewiesen hat, nach Tanger, um dort den Wonnen der Päderastie zu frönen. Und Allen Ginsberg schließt sich dem buddhistischen Guru Chögyam Trungpa an und rechtfertigt ihn auch noch, als der sich bereits mit autoritärem Sektierertum unmöglich gemacht hat; ohnedies konnte einem sein öffentlich zur Schau gestelltes Frömmlertum mit der ewigen Mantra-Absingerei schwer auf die Nerven gehen. Aber da war eben auch immer dieses inkommensurable Werk, das man viel zu oft auf die drei kanonischen Texte Naked Lunch , Howl and other Poems und On the Road reduziert hat.

Der kürzlich verstorbene, mit seiner American Splendor-Serie als Szenarist berühmt gewordene Harvey Pekar hat im vergangenen Jahr einen sehr schönen Sachcomic über die Beat-Bewegung publiziert, der nun auch auf Deutsch erschienen ist. Man kann The Beats als Einführung in den Themenkreis nur empfehlen. Pekar ist ganz gut informiert, und mit Unterstützung einiger Zeichner und noch ein paar weiterer Texter, werden hier nicht hagiografisch, aber doch mit sichtlich viel Sympathie für die Protagonisten die Lebensgeschichten hinter den Büchern erzählt. Gut die Hälfte des Buches füllt das Dreigestirn Burroughs, Kerouac und Ginsberg.

Mit Mut zur Lücke, griffig und kompakt skizziert Pekar ihre Vita und lässt auch die durchaus problematischen Seiten seiner Helden nicht unter den Tisch fallen. Dass er keine wirkliche Werkexegese liefern kann, stört nicht so sehr, eher schon ein paar Redundanzen. Da er The Beats praktischerweise als Porträtgalerie angelegt hat, ist er gezwungen, wichtige Begebenheiten mehrmals zu erzählen. Die Lesung in der Six Gallery etwa, eine der Gründungsveranstaltungen der Beats, die Ginsberg sofort zum Star macht, wird zu so einer Art Refrain des Buches.

Fast noch interessanter ist die zweite Hälfte, in der sich Pekar und seine Mitstreiter den weniger bekannten Beat-Kollaborateuren widmen. Ein paar Mal, wie bei Michael McClure, Philip Whalen, Kenneth Rexroth oder Leroi Jones, ist das zu oberflächlich. Auf zwei, drei Comic-Seiten kann man nichts wirklich Substanzielles über eine Dichterexistenz sagen – oder doch nur, wenn man sich emanzipiert von dem Konzept, ein Leben abzubilden. Da hätte sich Pekar etwas mehr aphoristische Freiheiten nehmen sollen, so liest sich das arg beflissen. Gelegentlich tauchen die Protagonisten aber auch noch in anderen Kapiteln auf,und dann bekommt das dürre Faktenskelett etwas zusätzliches Fleisch.

Die interessanteren Sachen über Leroi Jones etwa stehen in Joyce Brabners Gastbeitrag über die Beatnick Chicks . "Von Hettie (Jones' Frau Hettie Cohen) erwartet er Verständnis: Für seine stürmische Romanze mit der Dichterin Diane Di Prima und seine zahllosen anderen Affären während ihrer Ehe. Verständnis dafür, dass er sich nicht ausreichend um seine Familie kümmern kann, denn das würde seiner kreativen Arbeit im Wege stehen. Verständnis dafür, dass er nach der Ermordung seines Idols Malcolm X seine Familie verlassen muss und seinen Namen in Amiri Baraka ändert. Verständnis dafür, dass er sich mit einer weißen Frau und zwei Mischlingskindern schlecht als schwarzer Nationalist verkaufen kann. Und er kann auch schlecht sein neues antisemitisches Gedicht veröffentlichen und gleichzeitig mit einer Jüdin verheiratet sein."

Aber wenn sich Pekar Raum nimmt, wie in dem Kapitel über den hierzulande wenig bekannten oder schon wieder halbvergessenen Prosa-Experimentalisten Kenneth Patchen, wo er den Lebenslauf kontrastiert mit sprechenden Werkzitaten, dann entsteht auf wenigen Seiten ein suggestives Bild, mit dem man sich aber auch nicht so einfach abspeisen lässt. Patchens Romane Schläfer erwacht und Erinnerungen eines schüchternen Pornographen zum Beispiel gibt es für wenig Geld antiquarisch. Die kann man gleich mal dazu bestellen.

 

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