Freie Männer, wilde Frauen

Edward Abbeys Öko-Guerilla-Roman »Die Monkey Wrench Gang« erstmals in deutscher Übersetzung

Von Frank Schäfer

Ein humanistischer, aber zivilisationsskeptischer Chirurg, eine jüdische Bronx-Amazone mit Master in französischer Literatur, ein naturschwärmerischer Mormone, der den ursprünglichen Flußlauf des Colorado wiederherstellen will, und ein ausgemusterter, weil 1/4-verrückter Green Beret mit ehemaligem Einsatzgebiet Vietnam, der sich nach dem unschuldigen Amerika zurücksehnt – das ist die Monkey Wrench Gang, die sich eher zufällig zusammenfindet, um den Südwesten der USA mit spektakulären Sabotage akten in den einstigen Naturzustand zurückzusprengen. Die vier haben kein wirkliches Konzept, sie sind gute amerikanische Pragmatiker und fangen einfach an. Einer muß es ja tun. »Laßt unsere Praxis unsere Grundsätze formen«, schlägt der Doc vor, und dann kommen sie als personifizierte rächende Naturgewalt über all die, die versuchen, die Canyons von Utah und Arizona industriell auszubeuten. Aber selbstredend immer anständig, ohne dabei Menschenleben zu gefährden.

Der Grundkonflikt des Romans entspricht dem eines klassischen Western. Der Cowboy verteidigt das Wilde im Westen, das, was ihn zum Mann macht, was ihm die ständige Bewährung abnötigt und Daseinssteigerung verheißt. Nicht umsonst polemisiert Seldom Seen Smith, der mormonische Polygamist, später mit geschichtsphilosophischer Verve gegen die »Farmer«. Ackerbau und die damit verbundene Aufteilung und Parzellierung des freien Landes, das sei der eigentliche »Sündenfall« gewesen, damit habe das ganze Unglück begonnen. »Kein Wunder, daß Kain Abel, diesen Tomatenpflücker, umgebracht hat. Der Hurensohn hat nur die Quittung für das gekriegt, was er angerichtet hatte.«

Wie gesagt, im Subtext ist Edward Abbeys »Die Monkey Wrench Gang« ein Western, allerdings spielt dieser Romantrümmer in den frühen Siebzigern, die Kultur hat sich längst gegen die Natur durchgesetzt – und das Öko-Guerilla-Quartett, das der Domestizierung, Reduzierung und also Pathologisierung der menschlichen Existenz abschwört und wie sein geistiger Stammvater Thoreau zurück zur Natur will, gern auch mit Gewalt, kämpft auf ziemlich verlorenem Posten. Aber so ein paar Vorteile hat die Kultur eben doch. Jetzt darf mit Bonnie Abbzug (was für ein Name!) sogar eine Frau am großen Abenteuer teilhaben, die im waschechten Mythos ja noch zu Haus hätte warten und Apfelkuchen backen müssen. Kein Wunder also, daß der größte Idealist der Bande, George Washington Hayduke, der als Idealist vielleicht nur deshalb so groß ist, weil er einen gewaltigen Hau aus Vietnam mitgebracht hat, zunächst am meisten dagegen einzuwenden hat. Hayduke ist die Kraftquelle des Quartetts, ein echter »Pyromantiker« und archaischer Tatmensch, der am Ende, nach dem großen Showdown, als alle glauben, die Ordnungskräfte hätten ihn buchstäblich in Stücke geschossen, tatsächlich als Cowboy hoch zu Roß zurückkehrt. Und entsprechend sehen denn auch seine Visionen vom wahren Leben aus. »Wenn erst die Städte weg sind, dachte er, und sich das ganze Tohuwabohu gelegt hat, wenn Sonnenblumen durch den Beton und Asphalt der vergessenen Autobahnen stoßen, wenn Kreml und Pentagon zu Altersheimen für Generäle, Präsidenten und andere Arschlöcher umgewandelt werden, wenn die Glas- und Aluminium-Wolkenkratzergruften von Phoenix, Arizona, nur noch ein Stück aus den Sanddünen ragen, ja dann, ja dann, ja dann, bei Gott, dann vielleicht können freie Männer und wilde Frauen auf Pferden, freie Frauen und wilde Männer die nach Salbei duftenden Canyonländer in Freiheit durchstreifen – verdammt noch mal! –, das wildlebende Vieh in die engen Canyons treiben und sich an blutigem Fleisch und blutenden inneren Organen laben und die ganze Nacht tanzen zur Musik von Fiedeln! Banjos! Steelguitars!« Yeeehaa!

Edward Abbey, das kann man trotz seiner durchaus ernstgemeinten politischen Intentionen gar nicht vergessen, hat hier einen humoristischen Roman geschrieben, der seine Komik und also seine artistischen Ambitionen nie an allzu platten Agitprop verrät. Bei den knalligen Schauwerten, den vielen spannenden Verfolgungsjagden, die das Lektüretempo nach einer etwas länglichen Exposition enorm in Schwung bringen, und den grandiosen Dialogen, die aus dem Zusammenprall dieser vier grundsympathischen Charakterköpfe immer wieder komische Funken schlagen, fragt man sich schon, warum dieses Buch nicht längst verfilmt wurde. Egal bzw. umso besser. Denn wer das Buch liest, kommt in den zusätzlichen Genuß von Abbeys stupendem Illuminationsvermögen, der die karge Idylle der Wüstenei genauso euphorisch besingen kann wie die artifizielle Schönheit einer gelingenden Brückensprengung. Und Sabine Hedinger hat Abbeys wunderbar anarchischen, bisweilen zupackend burlesken und dann auch wieder lyrisch-wortverliebten und sprachspielerischen Personalstil angemessen ins Deutsche hinübergerettet.


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