Ein makaber-ironisches Krimi-Debüt - ein Kontrast zur Adventszeit
Von Gunter Blank
England 1956. In einem Weiler an der schottischen Grenze geschieht Entsetzliches. Nach einem Fest ermorden die Dorfkinder ihre schlafenden Eltern, ehe sie sich in der Kirche verbrennen. Scotland Yard steht vor einem Rätsel. Angeblich haben die Kleinen einen Horrorfilm gesehen, der die Massenpsychose ausgelöst hat.
Auch als wenig später Englands berühmtester Filmkritiker sich und seine Familie auslöscht, soll er zuvor einen mysteriösen, verschollenen Film begutachtet haben. Inspector Carmichael, der den Zusammenhängen auf den Grund gehen will, wird von seinen Vorgesetzten ausgebremst.
Währenddessen soll Peter Cushing, die Ikone des britischen Horrorfilms der 1950er-Jahre, in einer spektakulären Neuverfilmung die Rolle des Barons Frankenstein übernehmen. Einzige Bedingung des auf Horrorfilme spezialisierten Hammer-Studios: ein Treffen mit dem exzentrischen Lord Meinster, einem Connaisseur des Okkulten, der ihn mit der Faszination des Bösen vertraut machen soll. Dabei läuft Cushing prompt dem unbeirrbaren Inspector über den Weg, der auf der Suche nach dem geheimnisvollen Film den Schauspieler um cineastischen Rat bittet.
Eine wilde Achterbahnfahrt durch die Welt der B-Movies
«Ich war schon immer ein grosser Fan der Hammer-Filme mit Peter Cushing», erläutert Javier Márquez Sánchez im Gespräch mit der SonntagsZeitung den Plot seines mit Horrorelementen durchsetzten Krimis «Das Fest des Monsieur Orphée». «Schon als Teenager haben wir Frankenstein und Dracula geguckt. Erst viel später habe ich mich gefragt, was die Faszination dieser Horrorfilme ausmacht.»
So sei ihm die Idee zu seinem ersten Roman gekommen, sagt der 33-jährige Chefredaktor der spanischen Ausgabe von «Esquire»: «Was, wenn einer der Stars ein Rendez-vous mit dem Teufel gehabt und dadurch ein übernatürliches Charisma entwickelt hätte, mit dem er das Publikum in seinen Bann zog?» Tatsächlich ist das «Fest des Monsieur Orphée» eine wilde Achterbahnfahrt durch das Universum der B-Movies und obskuren Sekten, bei der Cushing und Carmichael einer apokalyptischen Verschwörung auf die Spur kommen.
Mit der Unbekümmertheit des Debütanten, der zum ersten Mal den Spielzeugladen der Postmoderne betritt, jongliert Márquez Sánchez mit den Versatzstücken von Krimi und Horror. Zitiert Arthur Conan Doyle, Stephen King und John Carpenter und sogar eine Underground-Ikone wie den satanistischen Filmemacher Kenneth Anger.
Auch wenn er nicht in den Top Ten ist, Márquez Sánchez mixt einen makaberen Genre-Cocktail, der mit seinen religiösen Untertönen ein Gegenprogramm zur Adventszeit bietet. Zumal ihm sogar ein jesuitischer Satanismusexperte bestätigt hat, dass sein virtuoser Flirt mit der Wiederkehr Luzifers im Einklang mit den Lehren der heiligen Inquisition stehe.