
Ein Roman des Isländers Gyrđir Elíasson
Für seinen Erzählband «Zwischen den Bäumen» wurde Gyrđir Elíasson kürzlich mit dem Preis des Nordischen Rates, Skandinaviens wichtigstem Literaturpreis, bedacht. Seit Jahren taucht der Isländer, der in seiner Heimat als «der grosse Stilist» gilt, ab und an auch in deutschen Verlagsprogrammen auf. Jetzt liegt sein erster Prosaband, der lyrische Kurzroman «Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft», vor. In Island erschien das Buch bereits vor 24 Jahren, als noch vieles anders war – erst drei Jahre später wurde erstmals eine Aktie an der Reykjaviker Börse gehandelt. In Elíassons Roman indes klingelt noch immer das gute alte «Landtelefon», das es den Abonnenten des Bezirks erlaubte, die Gespräche ihrer Nachbarn mitzuhören und sich so auf dem Laufenden zu halten.
Elíasson ist vor fünfzig Jahren im nordisländischen Sauđárkrókur geboren, einer Ortschaft mit 2500 Einwohnern und einem Flugplatz. Schon sein Vater war ein Künstler, und seine Brüder sind es ebenfalls. In der Hauptstadt besuchte er die Pädagogische Hochschule. Bisher übte er aber nie einen andern Beruf als den des Schriftstellers, insbesondere des Lyrikers, aus. Leider werde es zusehends schwieriger, in Island vom Schreiben zu leben, klagte er neulich der Netzzeitung «visir.is».
Elíasson schreibt eine filigrane, zarte Prosa. Sein Roman besteht aus zwei Teilen mit wechselnder Erzählperspektive. In der Provinz spielt die erste Hälfte, die von einem Knirps als Ich-Erzähler vermittelt wird. Als Pflegekind füllt Sigmar eine «Lücke», die ein Bub, der «verschwunden» ist, vermutlich der leibliche Sohn der Pflegeeltern, hinterlassen hat. Die bewusst eingeengte Sicht des Erzählers belässt manches in der Schwebe. Einsamkeit und Unwohlsein prägen jedoch Sigmars Alltag. Als er einmal ein Eichhörnchen zeichnet, verschmilzt er mit dem Tier – und die zweite Hälfte des Textes, der Stimmungen zwischen Angst und Schrecken evoziert, wird im Phantasiereich des Eichhörnchens in Szene gesetzt.
In seinen späteren Büchern verfeinerte Elíasson die Kunst des kompakten, konzentrierten Erzählens. Und auch die Tücken der modernen Telefonie behielt er im Blick. 1986 klingelte das «Landtelefon» zum endgültig letzten Mal, heute sind in Island mehr Handys als Menschen registriert. So kommt es denn, dass ein rauchender Zeitgenosse im preisgekrönten Erzählband «Zwischen den Bäumen» beim Benzintanken unentwegt in sein Handy spricht. Er bemerkt nicht, dass ein Lastauto auf ihn zufährt. «Noch heute höre ich den Schrei», vermerkt der Erzähler lakonisch. «Ich besitze kein Auto und besuche keine Tankstellen. Ich vermeide, so gut es geht, zu reisen.»
Aldo Keel