Wie weit darf Protest gehen? Edward Abbeys „Monkey Wrench Gang“ ist spannende Lektüre in Zeiten von Stuttgart 21.
Rumms! Loder! Krach! Gluck Gluck (aus dem Benzinkanister)! Das ist der Sound, der die Monkey Wrench Gang zum Jubilieren bringt. Bonnie Abbzug, George Washington Hayduke III., Seldom Smith und Doc Sarvis heißen die Mitglieder der Gang, die alle „nicht viel vom Rechtsweg halten“ und es sich zum Ziel gesetzt haben, Brücken, Strassen und alles, was der Umwelt schadet in die Luft zu sprengen. „To throw a monkey wrench“ bedeutet, einen Schraubenschlüssel ins Getriebe zu werfen – also ein Vorgehen zu sabotieren.
Und Sabotage, Ökosabotage, ist das große Ding, das die Gang zusammenhält. Zu erschüttert war George Washington Hayduke III.,als er nach der Rückkehr aus Vietnam sehen musste, dass seine geliebten Canyons und Flüsse zu Industrielandschaften geworden sind. Zündeln und Sprengen ist nun seine lodernde Leidenschaft: „Holz und Papier fiebern der Verbrennung mit jeder Faser entgegen und stürzen sich mit der wahnsinnigen Lust, der verzückten Hingabe von Liebenden beim Befruchtungsakt, in die Flammen. Die Kraft der läuternden Flammen, des reinigenden Feuers, vor dem jeder Pyromane, der einen Vulkan im Herzen und Asbest unter der Haut hat, nur auf die Knie gehen und beten kann.“
Edward Abbey (1927-1989) hat dieses unglaublich lässige und witzige Husarenstück 1975 geschrieben. Robert Crumb, die Grafiklegende, Erfinder von „Fritz the Cat“ hat es illustriert. Jetzt wurde das Buch in grandioser Koinzidenz mit den Stuttgart-21-Protesten auf Deutsch aufgelegt – in einer Ausstattung, die einen einzigen Imperativ schmettert: Lesen! Ein psychedelischer Western mit einem guten Schuss Dynamit und dem herrlich versauten 70er-Jahre-Humor, der offen für unorthodoxe Initiativen wirbt. Das Buch wurde bald zu einer Bibel für Aktivisten - 1979 gründete sich „Earth First“, Amerikas radikalste Anarchoumweltgruppe, die sich offen auf die „Monkey Wrench Gang“ bezog. Immer braver sind die Umweltschützer in den vergangenen Jahrzehnten geworden, sie gehören nun zum Establishment.
Verena Lugert
Dezember 2010