Die als Beats bekannt gewordene amerikanische Literatenszene hat ein wildes Tempo vorgegeben – im Schreiben wie im Leben.«Es muss brennen, brennen, brennen», so Jack Kerouac, ihr bekanntester Held. So ungewöhnlich die Idee scheinen mag, ein Kapitel der Literaturgeschichte von einem 17-köpfigen Team von Zeichnern und Textern gestalten zu lassen, so stimmig fängt das Konzept in diesem Fall den ganz besonderen Esprit jener Epoche ein. Anarchisch und entschlossen wurde in den 1950er und den folgenden Jahren ein Normen sprengendes Gesamtkunstwerk erzeugt, und so liegt der Gedanke eigentlich gar nicht fern, die damaligen Akteure auch einmal in einer unkonventionellen und auf bildliche Mittel ausgreifenden Form darzustellen.
Die Idee ist gut: Die komplexe Biografie einer lockeren Gruppe wird als leicht erzählte Graphic Novel in miteinander verknüpften Einzelporträts präsentiert, wobei diedrei Grossen – Kerouac, Burroughs und Ginsberg – die Parade anführen. Das ist flott gemacht; die gezeichneten Figuren behaupten genügend Distanz zu den Originalen, so erhält die grafische Seite des Projekts ihre autonome Dimension.Die Bilder werden nicht einfach dem Text untergeordnet, oder umgekehrt. Zur Illustration von Burroughs' Karriere als Kleinkrimineller in New York darf aber schon einmal ein visueller Akzent in Form des unmissverständlichen Revolvers in Zentralperspektive vor der Nase des Opfers gesetzt werden. Und wenn die Mutterbindung des wilden Beatniks Jack Kerouac thematisiert wird, erscheint im Bild eines der schönen Häuser, die er aus seinen Tantiemen erwerben konnte: «Gefällts dir, Mom?»
Das sind freche Kontraste zum Mythos, die in dieser Form vor allem eine junge Leserschaft erreichen dürften. Dies gelingt den Beatniks zwar nach wie vor auch mit ihren eigenen Büchern, doch die Herausgeber und Autoren dieser grafischen Literaturgeschichte ergänzen das Bild durch kritische Akzente. So zeigen sie zum Beispiel eine ganz profane Kraft hinter Kerouacs Bewegungsdrang –Alkohol und exklusivere Drogen. Ausserdem scheint seine wilde (Sauf-)Tour on the road etwasmit der unterdrückten Homosexualität zu tun zuhaben, die aus heutiger Perspektive eher unkompliziert präsentiert wird. Allerdings – Jack Kerouac selbst war keineswegs ein toleranter Mensch, wie sein Bio-Grafiker ohne falsche Rücksichten zeigt.Politisch eher rechts stehend, liess er rassistische und antisemitische Untertöne hören und war eigentlich ein Frauenfeind.
Eine solche Entmythisierung kann den Protagonisten der Beat-Bewegung nicht schaden. Vor allem, wenn gleichzeitig das Gesamtbild erweitert wird - zeigt doch der Band in zahlreichen weiteren Porträts auch bei uns weniger bekannte Autorinnen und Autoren und eine Szene, die in vielerlei Weise mit anderen grossen Strömungen des amerikanischen Undergrounds verbunden war. Ein literaturgeschichtliches Werk der besonderen Art, angenehm zu lesen und doch mit weitem Horizont.
von Martin Zähringer