Bücher-Magazin 5/11

Joe Brainard – "Ich erinnere mich"

von Carsten Tergast

Sachbuch? Oder doch Literatur? Egal: Wer "Ich erinnere mich" in diesem Buchherbst nicht liest, hat ein Highlight verpasst

Erster Leseeindruck: totale Irritation. Dann: Faszination. Am Ende das Gefühl: Vielleicht ist das die einzige Form, die eine Autobiografi e überhaupt haben kann. Joe Brainard gibt sich keine Mühe, sein Leben zu interpretieren, der Eitelkeit nachzugeben, alles etwas aufzuhübschen und wohlwollend schöner darzustellen, als es in Wirklichkeit vielleicht war. Joe Brainard erinnert sich lediglich. Jeder einzelne Satz beginnt folgerichtig mit den Worten „Ich erinnere mich …“.

Wenn man sich reingelesen hat, tritt diese Vorgehensweise beim Leser fast automatisch eigene Erinnerungsketten los. Woran erinnert man sich? Bilden diese Erinnerungen, so blank und uninterpretiert, nicht die Essenz des eigenen Lebens? Wer Brainard gelesen hat, ist geneigt, das zu glauben. Und fühlt sich animiert, gleich mit den eigenen Memoiren auf die gleiche Weise zu beginnen. In der kühnen Hoffnung, dass er selbst genauso viele Erinnerungen zusammenbringen würde wie der amerikanische Künstler in diesem so völlig anderen und gerade deshalb so wichtigem Buch, das einen ungeheuren Reichtum des Lebens auf scheinbar einfache Weise abbildet. Joe Brainard starb1994 an den Folgen einer HIV-Infektion.

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