Ein berührend offenes Erinnerungskaleidoskop
von Simona Fischer
«Ich erinnere mich›› – mit diesen drei Worten stiess Joe Brainard im Sommer 1969 auf ein einfaches literarisches Schema. Der bildende Künstler war damals erst 27 Jahre alt, aber hochbegabt – und er galt in der New Yorker Kunstszene bereits als Veteran, als eine Art frühreifer «boy artist››.
Assoziativ hält er in dem Buch, das jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, Alltagsbeobachtungen, Erinnerungen und Selbsterkenntnisse fest. Die drei magischen Worte «Ich erinnere mich›› werden zu einem Mantra über Gegenstände: «Ich erinnere mich, dass ich einmal ein paar Sachen in der Erde vergrub, weil ich dachte, eines Tages würde sie jemand finden und wäre total überrascht, aber ein paar Tage später habe ich sie dann selbst wieder ausgegraben.›› Äusserst knapp, aber berührend sind die zwei Sätze über seine Mutter: «Ich erinnere mich an das einzige Mal, dass ich meine Mutter weinen sah. Ich ass einen Aprikosenkuchen.›› Es ist eine der Faszinationen dieses Buches, dass der Autor auf jegliches Selbstmitleid verzichtet, während er zuweilen schonungslos offen festhält, was wir aus der Erinnerung verdrängen würden: «Ich erinnere mich, dass ich mir in der Highschool eine Socke in den Slip stopfte.›› Und während man über das Schnörkellose und Poetische zugleich staunt, erkennt man sich wieder: «Ich erinnere mich, dass ich oft den Traum hatte, fliegen zu können (ohne Flugzeug).››
«Ich erinnere mich›› ist ein Erinnerungskaleidoskop, das verwirrend schön ist, weil die einzelnen Mosaiksteinchen sich immer wieder von Neuem zu einem beinahe Ganzen fügen, hinter dem wir einen grossen Autor erahnen können. Der deutschen Erstausgabe ist ein Vorwort von Paul Auster vorangestellt, der «I Remember›› – so der Originaltitel –
eines seiner Lieblingsbücher nennt und sich nicht daran erinnern kann, wie oft er es seit dem Erscheinen gelesen hat.
Der neue Zürcher Verlag Walde + Graf, der bemüht ist, vergessene, verlorene oder bisher nie erschienene Texte zu publizieren, hat mit dem Meisterwerk von Brainard den deutschen Buchmarkt um eine literarische Trouvaille bereichert.