WIE EINE PARADE SCHLECHT ERNÄHRTER CRACKHUREN ...

«Ein legendärer Sexfilm ... zwei durchgeknallte Drogenfreaks ... drei Millionen Dollar: Willkommen in Sick City», prangt auf dem Cover, wie auch auf Seite sieben, wo nebenan in einer Illustration von Michel Casarramona ein Girl, gezeichnet von Nasenlöchern bis Knien, dem Betrachter ihre blass mit den Händen verdeckten Titten entgegenstreckt. Das alles könnte auf einen Schundroman hinweisen, was «Sick City» (versiert übersetzt von Stefan Pörtner) keinesfalls ist, sondern endlich mal wieder was literarisch Relevantes eines jungen amerikanischen Autors. Und dass Tony O'Neill hierzulande kaum einer kennt, wird sich ruckzuck ändern, sobald dieses Buch unter die Leute gekommen ist. Die Story dreht sich um zwei Drogenfreaks, die sich in der Rehab treffen : Randal, der aus einer gut situierten Familie stammt, die ihn unter Androhung der Enterbung immer mal wieder zum Entzug zwingt, und Jeffrey, dessen Sugar-Daddy, ein pensionierter Bulle und Agentenromanschreiber, soeben verstorben ist. Aus dessen Safe stammt dann auch der «legendäre Sexfilm», der einige der wichtigsten Schauspiel-Stars Hollywoods bei einer wüsten Fickorgie zeigt (u. a. Sharon Tate, kurz vor ihrer Ermordung durch die Manson-Family) . Randal, der über die richtigen Kontakte verfügt, soll Jeffrey helfen, den Porno teuer zu verticken. Die Story ist simpel, letztlich aber gar nicht so wichtig, schlägt einem doch zwischen diesen Buchdeckeln eine pralle Faust Leben in die Fresse, flackern doch unerlesene, sackstarke Formulierungen, aparte Poetisierungen des drögen Alltags auf. Diese Sprache! Diese Figuren! Diese Dialoge! Eine regelrechte Wort-Orgie! Ein Film in Buchstaben ...

Bevor Sie mit dem Buch anfangen: Schalten Sie alle Elektronika aus und melden Sie sich vorsorglich für den nächsten Tag krank – Sie werden von diesem Trip nicht vor dem letzten Satz runterkommen.

Ivan Schnyder


Das Kulturmagazin

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