Über Messezustände

Richtung Frankfurt, wie jedes Jahr am Dienstag, in erwartungsvoller Vorfreude, die Plaudertaschen prall gefüllt, die ICE-Grossraumabteile auch. Mit Kollegen. Erster Messesmalltalk: „Kannst Du Dir den Namen der Buchpreisträgerin merken?“. Erstes Messelachen. Dann aber in den Kritikermodus umschalten: Thomas Lehr hätte ihn kriegen müssen, der beste Roman zum 11. September und seinen Folgen, der bisher geschrieben wurde.
Erste Messeübereinkunft. Und das noch vor der Eröffnung, auf der die argentinische Staatspräsidentin laut zweitem Messesmalltalk mehr über den Zustand der Schönheitschirurgie als den der Demokratie in ihrem Land Auskunft gibt, eine Präferenz, die man am Mittwochmorgen beim Betreten der Messe und beim Anblick der zigtausend jungen, attraktiven Gesichter in ihrer Verführungskraft ansatzweise nachvollziehen kann. Eine Gedanke, der in der aber bald aufkommenden Messeeuphorie untergeht: attraktive Buchcover allerorten.
Die Überredungskünste wachsen, und zack: hat man fünf Kilo-Bücher unterm Arm, die man den ganzen Tag mitschleppt. Donnerstag wird man sich keine Bücher geben lassen, Vargas Llosa hat man eh zuhause. Wie gut der auch im Alter aussieht. Moment, woran denkt man eigentlich die ganze Zeit? Schon Freitag? Da ein Menschenauflauf, in der Mitte Thilo Sarazin, und vier Stände weiter ein Buch „Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren“. Und da: Stuttgart 21 Gegner demonstrieren und dort: ein Roman namens die „Monkey Wrench Gang“, über eine Bande von Umweltaktivisten, die mit Dynamit kaputt macht, was die Umwelt kaputt macht. Ist man im Zustand der Erleuchtung? Erkennt die allergeheimsten Verbindung von Literatur und Welt. Oder hat man wieder mal zuwenig getrunken.
Was, schon Sonntag? Na klar, die Stimme ist weg, keine Lust zum Smalltalk mehr. Nächstes Jahr ist Island Gastland. Ein Freund flüstert von einer behaarten isländischen Forelle, deren Verzehr Männer schwanger werden lässt. Glaub ich sofort – im Buchmessezustand.

Erwähnte Bücher:

„Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren“. (Klett Cotta)

„Die Monkey Wrench Gang“ (Verlag Walde & Graf)

 

Thomas Böhm

"Kolumnen aus dem Lesealltag"

Deutsche Welle

http://www.dw-world.de/

 

 

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