ROCKS 04/2011
AUS DEM ENGLISCHEN VON STEPHAN PÖERTNER
MIT ILLUSTRATIONEN VON MICHEL CASARRAMONA
WALDE+GRAF, ZUERICH 2011
328 SEITEN, 24,95 EURO
Die Bands, in denen O'Neill spielt und spielte, kennt man nur vage. Er sieht aus wie einer von den Specials. mit Gecken-Hut, weißem Hemd, langer schmaler Krawalle. Man muss aber auch gar nicht alles aus nächster Nähe kennen – sagt man sich angesichts der Rauschmittel, die der Autor anscheinend ziemlich eingehend getestet hat –, dafür gibt es ja Bücher: Sie gewähren Einblicke in Welten, die aus der Distanz dann doch überlebbar sind. Herzlich willkommen in Tony O'Neills Roman Sick City! Das Set kennt man: Los Angeles, Absteigen und Entzug, Träume und Reality-TV. So wie Robert Altmans Short Cuts pulsiert es vor Leben und Verzweiflung, wie bei Burroughs werden Gifte injiziert, wie bei Bret Easton Ellis Leere und Leid satirisch auf die Nadelspitze getrieben – und wie in einem richtig guten Buch treiben Story und Action alles nach vorne, es geht um Sex & Drugs & Rock'n'Roll, um einen verschollenen Film mit Sharon Tate, Unmengen an Chemikalien... und dazu der Sound, der in Mercedes-Cabrios zum Blowjob ertönt (Jennifer Rush), der Sound, der Psychopathen durchdrehen lässt (Phil Collins), und für unsere Ohren klingt es am schönsten, wenn im Strip-Club eine der etwa zehn tragenden Figuren auf der Bühne die Hüllen fallen lässt (Led Zeppelin und nur die).
Slash liebt den Roman. Man saugt das gern in einem Zug auf. Schön ist es nicht. Eben LA., das Dorf der Königin der Engel, wie der Ort von den katholischen spanischen Gründern genannt wurde; Wunderschön in seinen Möglichkeiten, ist die Traumverwurstungsmaschine Hollywood überrannt von angehenden Superstars, die sich mit Jobs im Servicesektor über Wasser halten. Eine kranke Stadt mit steinreichen Irren und durch Buden irrenden armen Schweinen. Schnorrer und Verlorene, Kaputniks und Abschaum, die ganze Stadt „glitzernd und leer wie eine Hure, die gerade bezahlt worden war«.
Ein Händchen für Außerordentliches hat O'Neill übrigens auch mit einer Biographie bewiesen: Neon Angel: A Memoir Of A Runaway über Cherie Currie. Auch sensationell: Slash sollte Literaturkritiker werden!
MATTHIAS PENZEL