Am Sandfluss
Ein Buch über einen Mann zu schreiben, der sich dazu entschlossen hat, nach seiner Scheidung in der Natur Islands zu leben, das klingt im ersten Moment so, als müsste man sich den zehnstündigen Extented-Cut von „Into The Wild“ zu Gemüte führen. Dabei ist es am Ende gerade die Gemächlichkeit von Gyrðir Elíasson, die einen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn wirft. Mit welch schlichten Mitteln er den Leser in seinen Roman „Am Sandfluss“ bei der Stange hält, ist schlicht bravourös. Man möchte sich irgendwo in ein altes Bettlaken einwickeln und die Welt um sich herum vergessen. Der Roman, der völlig zu recht erst in diesem Jahr mit dem „Nordischen Literaturpreis“ ausgezeichnet wurde, entwickelt sich zu einem mysteriösen Monster, dessen bedrohliches Finale sich schon nach wenigen Seiten abzuzeichnen scheint. Irgendwas stimmt hier nicht, möchte man als Leser regelrecht dazwischen rufen, während sich der Protagonist daran macht, den Wald um ihn herum in ein Portrait zu überführen. In diesem Zusammenhang wird vor allem unser verwahrlostes Verhältnis zur Natur deutlich. Eine diffuse Angst schleicht sich ein… deren Ursprung es nach und nach zu erkunden gilt. All das schwingt allerdings eher unterschwellig mit. Es ist nicht auszumachen, was dieses Gefühl beim Leser auslöst. Alles schwebt so ein bisschen zwischen den Zeilen. Und eben deshalb sollte man sich „Am Sandfluss“ auf keinen Fall entgehen lassen.
Das Fest des Monsieur Orphée
Ein grafisches Meisterstück ist dem „Walde + Graf“-Verlag derweil mal wieder beim neuen Roman von Javier Márquez Sánchez geglückt. Allein schon die verspielte Aufmachung des Buches “Das Fest des Monsieur Orphée” ist ein Augenschmaus. Die Geschichte dreht sich um einen Schauspieler namens Peter Cushing (den Schauspieler gab es übrigens wirklich. Er hat einige Male für Verfilmungen von „Sherlock Holmes“ auf der Bühne gestanden), der sich bei seinen Vorbereitungen auf einen Frankenstein-Film mit einem 20er Jahre-Streifen auseinander setzen muss, der vom Belzebub höchstpersönlich gedreht worden sein soll - noch dazu soll der Film unschuldige Menschen dazu verleitet haben, ganz schreckliche Schandtaten zu begehen. So sollen unter anderem die Kinder einer kleinen Ortschaft nach Genuss des Streifens alle Erwachsenen des Dorfes umgebracht und noch dazu den Priester gekreuzigt haben. In diesem Zusammenhang kommen dann auch die beiden Agenten Andrew Carmichael und Harry Logan ins Spiel, die sich ebenfalls daran gemacht haben, das Unfassbare aufzuklären. Gemeinsam mit dem Schauspieler versuchen sie dem ganzen Spuck schließlich auf die Schliche zu kommen, wobei die Aufmachung in bester „Edgar Wallace“-Manier die Richtung bereits vorgibt. Überhaupt ist das Buch nur so gespickt mit Seitenhieben auf die Gruselkultur der 60er Jahre. Unabhängig davon lebt es aber vor allem von seiner spannenden Story, die sich kein Gespenstergeschichten-Fan entgehen lassen sollte.