Kunst ist auch keine Lösung

Und irgendwo unterwegs kommen die Freunde abhanden: Der Isländer Gyrdir Eliasson schreibt um sein Leben

von Peter Urban-Halle

Gyrdir Eliasson, der ein wenig aussieht wie der Sänger Sting, ist ein Außenseiter in der isländischen Literatur. Bei uns nicht ganz so bekannt wie Einar Karason oder Hallgrimur Helgason liegen seine beiden ersten Bücher dennoch auf Deutsch schon seit 1996 vor: der Roman „Das Schlafrad“ (Suhrkamp) und der großartige Band mit Erzählungen „Papierbooteregen“ (Kleinheinrich). lm Frühjahr erschien beim jungen Zürcher Verlag Walde + Graf Eliassons Geschichte „Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft“, in der ein achtjähriger Knabe durch die Kunst eine „Welt jenseits der Welt“ entdeckt. Jetzt folgt im selben Haus ein Buch, das wohl das schönste von den vielen isländischen Büchern dieses Winters ist. Es ist ein Buch über einen Maler, der durch die Kunst vor allem eines entdeckt, dass er einsam geworden ist: „Mir geht es wie den meisten, die sich dem verschrieben haben, was man Kunst nennt, irgendwo unterwegs kommen ihnen die Freunde abhanden.“

Anfangs erinnert der weite Blick auf eine weite Landschaft an Peter Handkes „Langsame Heimkehr“. Eliassons Prosa ist poetisch, sorgfältig und behutsam sowie immer genau. Es gibt in dem rundum gelungenen Werk nicht einen falschen Ton, nicht eine schiefe Metapher. Der Ich-Erzähler hat sich im Wohnwagen aufs Land zurückgezogen, er versucht zu malen, was ihm nicht gelingt, dafür geht er wandern und begegnet einer rätselhaften Frau in einem roten Regenmantel, die immer wieder verschwindet. Gottlob ist sie nicht so blutrünstig wie die Zwergin mit rotem Regenmantel in Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, aber das Buch ist ebenso schön, traurig und Verwirrend wie der Film.

Der Maler ist ein moderner Einsiedler, und doch leidet er daran, allen fremd geworden zu sein, auch seinen Kindern, der überraschende Besuch seines Sohns ist ein Fiasko, die Tochter sieht er gar nicht mehr. Hier schreibt einer wie um sein Leben, es ist eine sehr existentielle Geschichte, die Geschichte einer Depression: Wenn die Kunst nicht mehr möglich ist, was bleibt dann für ein Ausweg?

Laura Jurts scheinbar realistische Zeichnungen von Bäumen, einer Teetasse, einem Blatt Papier ergänzen die Schilderung der lnnenwelt des Helden. Gyrdir Eliasson, 1961 in Reykjavik geboren, debütierte 1983 mit Gedichten; für seine (noch nicht übersetzten) Erzählungen „Milli trjánna“ (Unter Bäumen) erhielt er den Nordischen Literaturpreis 2011. Er selbst nennt den Roman eine Pastorale, eine idyllische Darstellung des Landlebens, die mit der harten Wirklichkeit kontrastiert. Das ist die einzige lronie, die sich der Autor erlaubt, denn was er hier schildert, kann kaum idyllisch genannt werden. Ein Motto ist dem Buch vorangestellt: „Kein weiser Mensch schreibt ein Buch. Kein weiser Mensch erzählt seine Geschichte. Ein weiser Mensch kann etwas für sich behalten, bis ihn alle vergessen.“ Wer bedenkt, wie wichtig die Erinnerung für Isländer ist, weil erst dadurch für sie Vergangenheit und Geschichte entstehen, erkennt das Revolutionäre daran.

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